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Marionette “Heinrich”
Öffentliche Installation unterm Görlitzer Bahnhof, Berlin
Various & Gould, 10.-16. Juni 2012
Zur Marionette findet sich ein Artikel in der Huffington Post.
Vielen Dank an Studio Nura und Lucky Cat für die Photos!
Erlebnisbericht zur Aktion:
„Nehmt ihr die Figur wieder ab?“ fragt eine junge Frau, bleibt stehen und schaut Various & Gould dabei fast schon böse an. Das Künstlerduo steht auf zwei Klappleitern im Durchgang unter der Station Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg. Die beiden hantieren mit Schere und Feuerzeug an den Schnüren einer lebensgroßen Marionette aus Pappkarton. Die Haken und Ösen sind an der gitterartigen Deckenkonstruktion befestigt.
„Nein, wir reparieren die Figur nur!“ – Das böse Funkeln weicht aus den Augen der Frau. Eine kurze Zeit später müssen die beiden auch einem vorbeilaufenden Jungen und seiner Mutter versichern, dass sie die Marionette hängen lassen werden.
In den wenigen Tagen und Nächten, in denen die Figur hier an diesem merkwürdigen Durchgangsort hängt, scheint sie schon einige Freunde_innen gefunden zu haben. Allen voran Ben, ein schlanker, etwa vierzigjähriger Musiker mit schwarzem Hut. Er verbringt hier unter der Station viel Zeit und sitzt mit anderen Leuten an einem Tisch neben den Stations-Kiosken. Sie trinken Kaffee oder Bier und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Ben erzählt, wie in den frühen Morgenstunden von Samstag auf Sonntag ein junger, betrunkener Kerl – „so ein Mallorca-Typ, Anfang zwanzig“ – mit voller Wucht in die Marionette getreten hat. Schnüre rissen und die Figur flog zu Boden. Nur noch die beiden abgetrennten Arme baumelten an den Schnüren in der Luft. An dem Tisch neben dem Kiosk sprangen die Leute verärgert auf, und der Typ rannte schnell davon. Ben hat die Marionette dann wieder aufgehoben, so gut es ging hergerichtet und zurück an die Schnüre gehängt.
Various & Gould finden jeden Tag solche kleineren und größeren Reparaturen von fremder Hand vor, wenn sie nach der Marionette schauen. Mal wurde ein abgerissener Fuss mit einem Gummiband wieder angeknotet, mal ist das Schultergelenk mit einem leeren Kippen-Schächtelchen und etwas Klebeband geflickt worden. Alle vor Ort passen auf die Puppe auf, aber am meisten scheint sich Ben darum zu kümmern. Dabei hat er selber einen Verband an der linken Hand. Der Knochen seines kleinen Fingers ist gesplittert, als Ben vor drei Wochen verprügelt wurde und sich die Hände schützend vor das Gesicht hielt, um die Tritte abzufangen. „Wenn der Kioskbesitzer nicht gerade rechtzeitig gekommen wäre, wär ich jetzt vielleicht …“
Das ist dann wohl auch das eigentlich Wesentliche im Zusammenhang mit der Marionette: Es begegnen sich nicht nur die Puppe und einzelne Menschen, sondern auch Menschen untereinander kommen in Kontakt. Es entsteht tatsächlich eine Interaktion. So haben z. B. Various & Gould bei der Anbringung und den regelmäßigen Ausbesserungen der Puppe nach und nach die Leute unterm Bahnhof ein wenig kennengelernt. Sie bekamen dabei von denen, die wahrscheinlich selber nicht viel Geld haben, wiederholt einen Kaffee ausgegeben. – „Könnt auch ein Bier haben!“
Man trifft sich einmal, zweimal und dann täglich. Die anfänglichen Fragen nach Sinn und Zweck der Marionette und der Dauer ihres Verbleibs müssen schon bald nicht mehr gestellt werden. Ben und seine Kumpels sind inzwischen „eingeweiht“ und erklären es den Passanten und Touristen, die mit der Puppe spielen. Manchmal führen sie denen auch vor, was man alles mit der Figur machen kann oder helfen mit, die vielen verschiedenen Strippen gleichzeitig zu betätigen. Mit Hilfe der Leute vom Görlitzer Bahnhof hat die Marionette, die übrigens „Heinrich“ heißt, nun schon 5 Tage und vor allem 6 Nächte überlebt.
Es ereignen sich viele kleine Geschichten. Als sich ein Pärchen am ersten Tag interessiert der Puppe nähert, versteckt sich ihr etwa vierjähriger Sohn hinter einer Bierbank. Er hat offensichtlich Angst vor der Figur. Erst nach einer Weile und auf dem Arm des Vaters sitzend, traut der Junge sich dann doch, an einem der Bänder zu ziehen. Aber die Beklommenheit bleibt. „Nicht den Mund bewegen“, ruft er, „nicht den Mund!“
Der Junge ist nicht der einzige, der die Puppe gruselig findet. Heinrich ist tatsächlich nicht schön im eigentlichen Sinne. Es ist ein Kerl mit offenem Rücken, wackelndem Nussknacker-Kiefer und starrem Blick. Je nach Betätigung kann er sich sehr ruckhaft aufrichten und den Leuten seinen Kopf entgegenstrecken. Außerdem kommt hinzu, dass Heinrich völlig nackt in der Öffentlichkeit herumhängt.
Beim den ständig wechselnden Puppenspielern_innen wird eines deutlich: Nicht nur die Marionette wird bewegt, sondern auch die Leute bewegen sich selbst dabei. Die einen ziehen nur kurz mal an einem der Bänder, andere legen direkt viel lebhafter los und probieren mit beiden Händen verschiedenste Bewegungsabläufe durch. Generell hat der Umgang mit der Puppe fast schon etwas von einer Spiegelung. Besonders sichtbar wird dies, als sich ein paar Tage später eine Frau die Bänder direkt um Knie und Handgelenke knotet, um mehr Bewegungen auf einmal steuern zu können. Es ist als würden sich zwei Marionetten an den selben Schnüren gegenüberstehen.
Dazu passt auch, dass in einem Gespräch zwischen dem Künstlerduo und Ben dessen Freude über die Puppe kurz einmal in Melancholie umschlägt. „Wenn man so will, sind wir ja alle wie Marionetten.“ sagt er zu Various & Gould. „Irgendwer zieht an den Strippen und wir bewegen uns.“
Am Montag hat Ben einen OP-Termin wegen seiner verletzten Hand. Nun da er selber repariert wird, muss sich wohl jemand anderes um Heinrich kümmern! Leider wird genau an diesem Tag – fast eine Woche nach ihrer Installation – die Marionette von irgendwelchen Passanten einfach heruntergeschnitten und mitgenommen.
So ist das eben – Menschen gehen mit Arbeiten im öffentlichen Raum sehr unterschiedlich um. Vor einer Woche hatten Various & Gould eigentlich kein Problem damit, Heinrich loszulassen. Doch jetzt nach dem Treffen mit Ben und all den Erlebnissen fällt es ihnen wieder etwas schwerer.








































